Vertrauen als Währung der KI-Ära Körpersprache des Niedergangs Komplexität akzeptieren
Essay

Vertrauen als Währung der KI-Ära

Warum die KI-Bedrohung für klassische Medien paradoxerweise eine Chance ist

Wer heute das Weltgeschehen verfolgt, steht vor einer neuen Frage: Ist das, was ich sehe und höre, überhaupt echt? Die Beispiele häufen sich: Ein KI-generiertes Bild eines explodierenden Pentagons löste einen realen Börseneinbruch aus. Ein Audio-Deepfake der Stimme von Joe Biden rief Wähler in New Hampshire auf, nicht zur Wahl zu gehen. Ein Video des Bundeskanzlers kündigte ein Parteiverbot an, das er nie ausgesprochen hatte. Gefälschte Clips von Behördeneinsätzen erreichten auf Social Media millionenfach Aufrufe. Und im jüngsten Nahost-Konflikt verbreiteten sich KI-generierte Aufnahmen über Raketenangriffe, Proteste, abgeschossene Kampfjets in bisher unerreichtem Ausmaß.

KI kann mittlerweile Material erzeugen, das für Laien durch reine Wahrnehmung kaum von der Realität zu unterscheiden ist. Und diese Entwicklung ist noch nicht am Ende.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Dieser Satz war auch deswegen so anerkannt, weil er etwas über Glaubwürdigkeit aussagte. Worte können manipulieren, aber ein Bild versprach eine relativ verlässliche Wiedergabe der Realität. KI verändert das: Verlass ist weder auf ein Bild noch ein Video, und selbst unseren Ohren können wir nicht mehr trauen. Es wäre bereits beunruhigend, wenn nur Geheimdienste so täuschen könnten. Doch heute kann das jeder — für 20 Euro im Monat.

Was macht dies mit uns auf einer psychologischen Ebene? Wer die Realität nicht mehr durch Wahrnehmung prüfen kann, erlebt Unsicherheit. Und Unsicherheit ist ein Zustand, den wir als Menschen naturgemäß schnellstmöglich auflösen wollen. Daher suchen wir nach etwas, was uns die Sicherheit wiedergeben kann. Wenn wir nicht mehr prüfen können, was wahr ist, suchen wir jemanden, dem wir vertrauen können. Nicht weil wir naiv sind, sondern weil es die einzig rationale Antwort auf einen unprüfbaren Inhalt ist. Wenn wir den Inhalt nicht sicher bewerten können, dann bewerten wir stattdessen den Absender. Die Frage lautet dann: Hat die Quelle mein Vertrauen?

Vertrauen: Das ist die Überzeugung, sich in unsicherer Situation auf jemanden verlassen zu können.

Mit wachsendem Bewusstsein für KI fragen sich Menschen: Wer hat dieses Pentagonbild hochgeladen? Welche Zeitung hat es bestätigt? Wer verbreitete dieses Kriegsvideo? Für unseren Medienkonsum bedeutet das eine grundlegende Verschiebung: der Inhalt tritt zunächst in den Hintergrund, das Vertrauen zur Quelle in den Vordergrund. Ob ich zu einer Quelle Vertrauen habe, hängt von meinem Urteil über ihre Fähigkeit und Integrität ab. Die entscheidenden Fragen sind dann: Kann die Quelle KI-Inhalte erkennen? Und will sie mir nur Echtes zeigen?

Redaktionelle Medien, mit ihren ausgebildeten Journalisten, Prüfprozessen und Ressourcen zur Verifikation, sind hier grundsätzlich im Vorteil. Ein Influencer mit Hunderttausenden Followern teilt ein Video in Sekunden. Hier ist keine Redaktion, die gegenprüft, kein Chefredakteur, der abnimmt — die Reichweite ist meist wichtiger als die Reputation. Während die Fähigkeit zur Prüfung erlernbar ist, entsteht Integrität meist nur da, wo Versagen Konsequenzen hat. Für Journalisten gilt dies persönlich und für ihre Institution im Ganzen.

Das jüngste Beispiel des ZDFs zeigt, dass selbst etablierte Medien mit allen strukturellen Vorteilen scheitern können. Eine US-Korrespondentin hatte ein Video von weinenden Kindern veröffentlicht, das die Folgen der US-Einwanderungsbehörde ICE illustrieren sollte. Es stellte sich heraus, dass das Video von KI generiert war. Nach Tagen breiter öffentlicher Empörung wurde die Korrespondentin abberufen. Die ZDF-Chefredakteurin sprach von einem großen Schaden, der durch die Missachtung journalistischer Standards entstanden sei. Es mag offenbleiben, ob es sich um ein Problem der Integrität oder eines der Fähigkeit zur Erkennung handelte.

Doch was zeigten die Geschehnisse in jedem Fall? Der Einsatz von KI wurde fast von allen Seiten entschieden abgelehnt. Selbst starke Kritiker der ICE-Behörde, die also mit dem Inhalt sympathisierten, verurteilten das Mittel zu ihrer Verunglimpfung. Den Kritikern war bewusst, dass eine Duldung dieser Art des Journalismus die Büchse der Pandora öffnen würde. Ihnen war klar, dass hier das Vertrauen der Bürger stark beschädigt wurde. Das ZDF-Beispiel zeigt aber auch, dass auf Fehlverhalten Konsequenzen für Person und Institution folgten.

Am Ende ist es eine psychologische Frage: Wem vertrauen Menschen, wenn sie selbst nicht mehr prüfen können? Denjenigen, die beides mitbringen: die Fähigkeit zu prüfen und den Willen, nur Echtes zu zeigen. Redaktionelle Medien haben die strukturellen Voraussetzungen dafür. Die KI-Ära ist ihre Chance. Aber nur, wenn sie sie ergreifen.

Essay

Körpersprache des Niedergangs

Was deutsche Politiker der Welt über sich verraten

Moskau, Ankara, Washington. Deutsche Politiker werden auf der Weltbühne regelmäßig vorgeführt – ein Psychologe analysiert, warum.

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